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Licht aus, Spot an, Kopfhörer auf!

Angefangen hat alles 2002 bei der 11. Feminale, dem Internationalen Frauen Film Festival in Köln (heute IFFF Dortmund|Köln). Dort durfte ich im Rahmen eines Praktikums als Festivaldolmetscherin, Übersetzerin und Sprecherin der Filmtexte tätig werden. Später kam eine Mitarbeit bei den jährlich stattfindenden Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen, bei der KunstFilmBiennale Köln|Bonn sowie beim Jüdischen Filmfestival Düsseldorf hinzu.

Bloß kein Filmriss: Text auf den Punkt genau einsprechen

Zu meiner Tätigkeit auf Filmfestivals kann ich vorweg sagen: Die Arbeit beginnt schon Wochen vor der Eröffnung, bevor sich die Vorhänge im Vorführraum öffnen, die Filmspulen eingelegt werden und die Redner ans Mikro treten. Denn zunächst gilt es, die Textlisten der Filme zu übersetzen, die es in die Wettbewerbe geschafft haben. Erst vor Ort und während der Festivals geht es dann ans gesprochene Wort. Bei der Vorführung der Wettbewerbsfilme sitzen immer zwei Dolmetscher bzw. Sprecher aus dem Festivalteam in einer abgedunkelten, teils mit schwarzem Molton verhangenen Kabine im Kinosaal und lesen live und mit so wenig Störfaktoren wie möglich (also mit Taschenlampe, gedimmter Leselampe etc.) den Text des Filmes vor, der dann per Kopfhörer eingespielt wird: In der Regel ist man so eingeteilt, dass man den Film einspricht, dessen Textliste man auch selbst vorher übersetzt hat, dann kennt man die Filme und kann sich schnell in das jeweilige Thema einfinden, das Lesetempo anpassen, gegebenenfalls die Stimme verstellen und vor allem: zum richtigen Zeitpunkt das Richtige sagen.

So spannend die eigentliche Tätigkeit auch ist: die Arbeitszeiten in der Festivalwoche sind eine Herausforderung und es herrscht die ganze Zeit Ausnahmezustand: Beinah rund um die Uhr ist das Festivalteam aufgrund der unterschiedlichen Filmvorführungen vor Ort: vormittags Kinderkino, mittags eine Vorführung für Schulgruppen, nachmittags ein Themenschwerpunkt oder eine Retrospektive, abends läuft das Programm der einzelnen Wettbewerbe und um Mitternacht findet die Prämierung des besten Musikvideos statt. Das schlaucht ganz schön, vermischt sich aber dafür auch mit einem Glücksgefühl und der Bestätigung, seine Berufung im Leben gefunden zu haben und diese auch ausüben zu dürfen!

Live-Übertitelung im Theater: Auf das Timing kommt es an!

Ein wenig anders hingegen gestaltet sich die Übertitelung von Theatervorführungen. Auch diese finden gewöhnlich in den Abendstunden statt, doch selten steht eine Kompagnie rund um die Uhr auf der Bühne oder bleibt länger als ein paar Abende in der Stadt. So auch bei meinem zweitägigen Übertitelungseinsatz auf Zollverein: In der Woche vor der Deutschlandpremiere fing ich an, das Script zu übersetzen. Anders als beim Live-Einsprechen muss der Text in ein gut verdauliches, übertitelfreundliches Format eingepflegt werden: Mehr als zwei Zeilen sind in der kurzen Zeit, in der ein Passus gesagt wird, nicht lesbar – und auch auf die Schriftgröße und -schärfe muss bei der Projektion von Übertiteln geachtet werden.

Wie es für die Branche üblich ist, wurde auch hier gewerkelt und gebastelt, um die Übersetzung so dezent wie möglich zu gestalten: Die Übertitel habe ich in eine PowerPoint-Präsentation mit schwarzem Hintergrund und weißer Schrift eingepflegt – immer eine Folie pro Übertitel – und live während der Performance per Maus- oder Cursorklick rechtzeitig über einen Beamer an die Wand projiziert.

Bevor sich der Vorhang hob, sprach ich mich noch einmal mit der Regisseurin während eines Probedurchlaufs bezüglich des Timings ab, sprich: wann ich zur nächsten Folie klicken sollte. Das Stück befasste sich mit einem sehr sensiblen Thema, bei der eine amerikanische Performerin ca. 70 Minuten lang in einem sehr intimen Setting einen Monolog halten sollte. Da galt es, den Text „behutsam“ anzuzeigen und erst ein paar Sekunden nach dem Gesagten an der Wand erscheinen zu lassen – auch, damit niemand schon ein Stück weiterlesen konnte, ohne sich auf die Performerin und die Geschehnisse auf der Bühne zu konzentrieren! Gleichzeitig mussten die Übertitel aber auch lange genug an der Wand stehen, um den Zuschauern Zeit zum Lesen zu geben. Die Generalprobe verlief gut, was ja bekanntlich eher ein schlechtes Zeichen für die Premiere ist... Glücklicherweise war aber niemand von uns abergläubisch und beide Abende wurden ein voller Erfolg.

Herzklopfen wie beim Dolmetschen

Auch wenn ich an diesem Abend kein Headset trug und kein Mikro vor mir stehen hatte und ganz hinten in der letzten Reihe saß: aufgeregt war ich wie beim Dolmetschen in der Kabine: Ich saß mit klopfendem Herzen am Rechner und wartete auf meinen Einsatz – so, wie wir es zuvor am Nachmittag geprobt hatten. Würde der Shutter am Beamer sich auch wirklich öffnen, wenn ich den Knopf betätigte? Würden die Zeilen auch wirklich so an der Wand erscheinen, wie ich sie zuvor formatiert hatte? Was, wenn sich doch ein Tippfehler eingeschlichen hatte, trotz mehrmaligen Korrekturlesens nach dem Vier-Augen-Prinzip? Und: Würde ich es schaffen, mich im totenstillen Theatersaal eine Stunde lang nicht zu räuspern – denn am Regiepult gibt es keine Mute-Taste!

Nach etwa einer Viertelstunde beruhigte sich mein Puls wieder – alles verlief glatt und ich war dankbar (und zutiefst beeindruckt!), dass sich die Performerin tatsächlich wortwörtlich an das Script hielt, nichts ausließ und nichts austauschte, sodass die Übertitel tatsächlich passten. Ich blickte mich in den Sprechpausen im Zuschauerraum um und entdeckte die Regisseurin in einer Ecke. Zufrieden lächelnd. Dann war ja alles gut. Und ich hörte, wie ein Teil der überwiegend älteren Zuschauer etwas zeitverzögert auf bestimmte Stellen reagierte – ein sicheres Zeichen dafür, dass sie die Übertitel verfolgten und daher erst kurz nach der gesprochenen Pointe das Ende des Satzes erreicht hatten – ganz ähnlich der Décalage beim Simultandolmetschen!

Ausnahmezustand: mein Lieblingszustand

Die Arbeit auf Festivals und bei Kulturproduktionen ist zwar mit sehr viel Aufwand und Herzblut verbunden, erfordert die eine oder andere schlaflose Nacht und fällt mit Sicherheit nicht ins Genre „Nine-to-Five-Job“. Dafür macht sie riesig Spaß. Vor allem ist es ein wunderbares Erlebnis, die Menschen zu treffen, die hinter den Filmen und Produktionen stecken: den verstorbenen Christoph Schlingensief zum Beispiel, die Performance-Künstlerin Marina Abramovic, den Grimme-Preisträger Martin Buchholz, oder Andrea Arnold, eine Filmemacherin aus England, die 2005 kurz nach dem Festival in Oberhausen im TV zu sehen war und dort für ihren Kurzfilm „WASP“ den Oscar erhielt. Das war ein tolles Gefühl zu sagen: „Mit der hab ich schon mal ein Bier getrunken!“

Oder 2004 bei der Eröffnungsgala des 50-jährigen Jubiläums der Kurzfilmtage im Gasometer Oberhausen: Dort winkte Gastredner Bundeskanzler Gerhard Schröder routiniert freundlich in die Dolmetschkabine, und durchs Programm führte Schauspielerin Meret Becker. Auch dies sind Menschen, die einem selbst im „normalen“ Dolmetschberuf nicht alle Tage über den Weg laufen.